"Kyrie und Gloria"

In der Basilika, einem lang gestreckten, sehr repräsentativen Gebäude mit einem Mittelschiff und rechts und links je einem Seitenschiff, hoch aufragend und Respekt einflössend, empfängt der Kaiser in der Antike sein Volk. Sobald er den Raum betritt, ruft ihm das Volk auf Griechisch zu "Kyrie eleison“ - "Herr, erbarme dich!“ Es ist ein Huldigungsruf und das Volk erkennt damit die Herrschaft des Kaisers an und dass das Wohl und Wehe des Volkes von ihm abhängt. Letztlich geht es soweit, dass der Kaiser Augustus, ihn kennen wir aus der Weihnachtsgeschichte, als Gottheit verehrt wird, dessen Geburtstag am 25. Dezember gefeiert wird als Tag der unbesiegbaren Sonne. Nebenbemerkung: 1641 dichtet Philipp von Zesen, ein Pfarrerssohn aus Priorau, das Lied: "Die güldene Sonne“ (EG 444) und überträgt damit das Bild von der unbesiegbaren Sonne erneut auf Jesus Christus.

 

Ursprünglich feiern  die christlichen Gemeinden ihre Gottesdienste in ihren Privathäusern am Tisch bei Brot und Wein. Später, weil sie gewachsen sind, brauchen sie größere Versammlungsräume und übernehmen als Vorbild die kaiserliche Empfangshalle. Die Basilika wird zur Kirche. Und sie brauchen jetzt eine Inszenierung für den Gottesdienst, denn er ist jetzt wirklich eine öffentliche Veranstaltung. So übernehmen sie auch den Ruf "Kyrie eleison“. Die Gemeinde macht aber gleichzeitig deutlich, dass es jetzt nicht mehr um den Kaiser geht, sondern um Jesus Christus, denn der zweite hinterhergeschobene Ruf lautet "Christe eleison“. Und damit jedes Missverständnis ausgeschlossen ist, dass Jesus Christus der Herr ist, und nicht der Kaiser, wird dann noch ein drittes Mal "Kyrie eleison" gerufen. Merken sie den Hauch von Ironie, der hierin steckt, zumal wenn wir bedenken, dass am 25. Dezember bei den Christen nicht Kaisers Geburtstag und der Tag der unbesiegbaren Sonne, sondern der Geburtstag von Jesus Christus gefeiert wird. Ob er wirklich an diesem Tag geboren wurde, ist vollkommen bedeutungslos. Es geht nicht um ein Datum, sondern es ging bei der Festsetzung des Geburtstages um ein Bekenntnis.

 

Die Nachfolgerinnen und Nachfolger des hingerichteten Juden Jesus, die selbst verfolgt wurden, übernehmen das Gebäude und Teile der Inszenierung des Kaiserkultes, um sich selbst und ihrer Umwelt einen ganz wesentlichen Punkt ihres Glaubens deutlich zu machen. Nämlich: die Herren dieser Welt kommen und gehen, Jesus Christus aber, unser Herr,  bleibt in Ewigkeit.

 

Deswegen schließt sich auch nahtlos in dieser Dramaturgie an das Kyrie das Gloria an. Es ist eine Erinnerung an die Nacht, in der die Engel den Hirten auf dem Felde bei Bethlehem erschienen und die Geburt Jesu Christi ankündigten. Nach dieser Ankündigung verabschieden sich die Engel mit dem "Gloria": "Ehre sei Gott in der Höhe und auf Erden Frieden bei den Menschen seines Wohlgefallens.“ In dieses Lob Gottes durch die Engel stimmt die versammelte Gemeinde mit ein.

Was für ein fulminanter Start in den Gottesdienst, ausgedrückt mit ganz wenigen Worten.

So sind aus Teilen der Inszenierung des Kaiserkultes Teile der Liturgie des christlichen Gottesdienstes geworden. Diese Akklamationen sind kurze, prägnante Bekenntnisse, mit denen die Gläubigen aktiv am Gottesdienst teilnehmen.  (Manfred Seifert)

 

Als Messordinarium werden die Teile des Gottesdienstes bezeichnet, die sich in jedem Gottesdienst wiederholen. Außer Kyrie und Gloria gehören dazu das Credo (Glaubensbekenntnis) sowie Sanctus (Heilig) und Agnus Dei (Lamm Gottes). Eine komponierte Messe ist also ein komponierter Gottesdienst. Schon aus dem 16. Jahrhundert sind uns „Kurzmessen“, die nur aus Kyrie und Gloria bestehen, überliefert und zwar sowohl in der katholischen als auch in der evangelischen Tradition. Die anderen Sätze wurden entweder gesprochen oder als Gemeindelied gesungen. Manchmal wurde in den Messkompositionen die Melodie eines populären Liedes zitiert, das dann der Messe seinen Namen gab. Praetorius verzichtet auf ein solches Zitat, deshalb heißt seine Messe „sine nomine“, also „ohne Namen“. Bachs Messe besteht in allen Sätzen aus Parodien, d.h. es handelt sich um Bearbeitungen von Chören und Arien aus deutschsprachigen Kantaten. Allerdings hat Bach auf das Umarbeiten so viel Sorgfalt verwendet, dass man das nicht wahrnimmt. Dem Bachforscher Christoph Wolff zufolge hat Bach die Figuralmessen für hohe kirchliche Feiertage in den Leipziger Gottesdiensten komponiert, möglicherweise auch für den protestantischen Hofgottesdienst in Dresden. Franz Schubert komponierte seine Messe in G-Dur im Alter von achtzehn Jahren für die Pfarrkirche in der Wiener Vorstadt Liechtenthal. Nach einer Aufführung dieses Werkes im Jahre 1845 - Schubert war schon seit siebzehn Jahren tot - hieß es in der Wiener allgemeinden Musikzeitung, in Schuberts Messe würde der „tiefe Sinn der heiligen Worte mit ergreifender, an Herz und Gemüth dringender Wahrheit in Tönen wiedergegeben“. (Matthias Pfund)

 

Max Regers Orgelmusik zeigt sich in einer enormen Vielfalt. Neben monumentalen Großwerken höchster Schwierigkeit und orchestraler Klangauslotung stehen kurze und simple, für den liturgischen Gebrauch zu verwendende Stücke. Die „Zwölf Stücke“ op. 59 nehmen in diesem Spektrum eine Mittelstellung ein. Sie entstanden im Jahr 1901 zum Ende einer ersten großen Schaffensperiode des Komponisten.

Grundlage des „Kyrie eleison“ bildet ein aus der Gregorianik abgeleitetes Thema, welches in der Art einer Litanei stetig wiederholt und gesteigert wird. Der eher melodische Mittelteil scheint dieses Aufwallen beruhigen zu wollen, das Thema bricht jedoch immer wieder durch.

Im starken Gegensatz dazu steht das glanzvolle „Gloria in excelsis“, in welchem das Gregorianische Thema aus dem Mess-Ordinarium „Cunctipotens Genitor Deus“ in verschiedener Gestalt verarbeitet wird. Diese Variationen werden von zwei kurzen Fugen unterbrochen, welche dem Werk eine fantasievolle formale Geschlossenheit geben. (Florian Zschucke)